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IMMANENTE ANATOMIE: DAS WERK VON KARL KLINGBIEL
Von Dominique Nahas ©2007

Karl Klingbiel hat in den vergangenen vier Jahren unterschiedliche Werke gestischer, abstrakter gemälde geschaffen, die für ihren Farbenreichtum, die Leuchtkraft der Zeichensetzung und einen spürbaren, schwingenden Sog berühmt sind, der ihre komplexen Oberflächenstrukturen belebt. Indem Klingbiel Lakunen oder Lücken verwendet, die das ergebnis eines permanenten Stroms oft winziger Korrekturen des hinzufügens oder entfernens von Farbe sind, macht dies das Wesen dieser herangehensweise an die Bildgestaltung aus. Zu dieser vorgehensweise sagt Klingbiel: „Ich weiß, dass das Gemälde fertig ist, wenn Hinzufügen und Entfernen ein und dasselbe werden. „… Wenn das passiert, fange ich nicht das Unbestimmte ein, auf das ich aus bin, sondern ich gestatte dem Kontext, dass sich das Unbestimmte entfaltet … Wenn zum Beispiel etwas, ein Ausschnitt, weggewischt wird, kommt etwas zu mir zurück, das ich nicht antizipieren konnte. Wenn dies allumfassend geschieht, werden Hinzufügen und Entfernen ein und dasselbe.

Jene Austauschbarkeit von Bildräumen tritt für den Künstler in der Tat als Teil des Arbeitsprozesses in erscheinung. Klingbiel beginnt die gestaltung seiner gemälde auf eine vorgegebene Weise, die im gegensatz zum geist des expressionismus steht. Anstatt zuzulassen, sich zu Beginn des Malvorgangs ausschließlich auf seinen inneren Drang in verbindung mit seinen Materialien und dem ihm zur verfügung stehenden Platz auf der Malfläche zu reagieren, ersetzt Klingbiel, unter verwendung schwarzer japanischer Tinte und eines gels, instinktive Impressionen als Ausgangspunkt durch eine große „skelettartige“ grundstruktur von Mediumstrukturen auf Papier, die in gewisser Weise eine entsprechung in prä-modernen Bildquellen der Weltkulturen haben, die er aus Büchern und Zeitschriften und seinen eigenen Reisenotizen, -zeichnungen und -fotos gesammelt hat. Diese umfassen eine vielfalt weitreichender verweise: ein buddhistisches Thangka aus Zentralasien aus dem Jahre 1227 u.Z., das mit dem Bild eines Mönches verziert ist; Perseus befreit Andromeda, ein gobelin nach coecke van Aalst aus dem Jahre 1545; ein dekoratives Muster oder eine räumliche Struktur der Darstellung eines Segelschiffes aus dem 19. Jahrhundert aus einem britischen Männermagazin; Szenen aus Katsushika hokusais Farbholzdruckserie Die illustrierten Regeln der Loyalität; ein lithographischer Druck aus einer Robert havel edition von Audubons Die Vögel Amerikas; oder kartographische Muster aus Karl henricis Karte von Aachen aus dem Jahre 1893 und so weiter.

Derlei Quellenmaterial erzeugt im Künstler eine Reihe mentaler und physischer Reaktionen. Diese Reaktionen werden unter verwendung des Mediums der Tuschzeichnung in schwarze somatisierte Markierungen oder netze auf eine glasscheibe übertragen, die dann zur herstellung einer Monotypie auf Papier verwendet wird. Dieser Druck wird auf ein holzpaneel geklebt, jenes Material, das Klingbiel als Unterlage für seine gemälde bevorzugt. Diese starre Unterlage gestattet ihm die Benutzung einer vielzahl von Werkzeugen -Spachteln, Rakeln und Lappen sowie Pinsel, um die glatten, fliehenden ebenen in seinem Werk zu gestalten. Diese anfängliche, gedruckte Struktur besteht nach Aussage des Künstlers aus „Annäherungen auf halbem Wege zwischen einem Zeichen und einer Darstellung“. Diese Schwarz-Weiß-Schablone, deren Markierungen dann mittels gel, enkaustischer und deckender Farbe überdeckt werden, um, mit den Worten des Künstlers, sowohl eine „Barriere“ als auch eine „Membran“ zu schaffen, wird zu einer geladenen ideellen Platte, auf welcher Klingbiels Lesart, Projektionen, Assoziationen und gedanken in den Mittelpunkt treten. Sie dient auch als Widerstandspunkt zum nachfolgenden Prozess, einer Art inhärenter „Identität“, die einzig und allein dem gemälde innewohnt, da seine Strukturierung mehr Resultat des Zufalls als der Absicht ist.

Klingbiels vorgehensweise mit ihren schlichten Markierungen und schwarzen Linienbündeln, die anscheinend mehrdeutige Muster oder Strukturen bilden, erinnert entfernt an Sigmund Freuds Wunderblock-Metapher, in welcher ein Kinderspieltablett ein Analogon für eine mystische Schreibtafel ist, auf welcher der unterdrückte Inhalt des Unbewussten niedergeschrieben ist. Klingbiel ersetzt jedoch den vagen Begriff des Unbewussten durch das, was er als „Detritus“ der Intention bezeichnet, eher ähnlich dem buddhistischen Begriff des Restkarmas. Die lockeren Strukturen erinnern auch entfernt an herman Rorschachs gestaltung abstrakter Muster, die als projektiver psychologischer Persönlichkeitstest dienen sollen, obwohl dies für Klingbiel eher zu einer Art des prälingualen verstehens dessen „wie es nun mal ist“ als zu einer objektiven Identifizierung dessen, was durch eine gewisse vorstellung von Psychologie oder Persönlichkeit gefiltert wurde, wird.

In jedem Falle gestattet der durch den Künstler selbst veranlasste Fluss von Möglichkeiten, die durch die gedruckte Schichtung seiner Reaktionen über diese kalligraphieähnlichen Formen entstehen, den Beginn der Umsetzungsarbeit einer Tiefenstruktur für den Künstler. Die verwendung dieser satten schwarzen Formen als formale genesis, die das malerische Werk unterstreichen, ist ein wesentliches Fundament für Klingbiels herangehensweise und Wirken. Sie bilden ferner das grundlegende element für sein Bedürfnis, auf einem Punkt zu verharren, auf dem er ständig die Kontrolle über das gemälde, das während dieses vorgangs repliziert wird, verliert und wieder zurückgewinnt, und sie dienen als thematisches Analogon zum „hinzufügen und entfernen“ der physischen eigenschaften des gemäldes. Diese Strukturen erstehen manchmal erneut als verlorene vorboten durch verschiedene Farbschichten hindurch, insbesondere an den Rändern einiger seiner Werke (Blue Duc Thol, Palantine, Hive) und manchmal offenkundiger in früheren Arbeiten, wie in Tractor-Trailer (1996–2002).

Der Künstler verwendet dieses Schema schwarzer Linien unter einem weißen Untergrund, um ein gegenspiel zu entfachen, wo Farben routi-51 nemäßig und homogen erscheinen und von der choreographie des Strukturaufbaus ablenken würden. Die nachfolgenden, von gebilden und Formen und Bewegung untersetzten Farbstriche haben mich fasziniert, und ich glaube ihre verwendung hat Wirkung, weil sie erlaubt, dass sich die lebendige Bildoberfläche ultimativ mit dem vereint, was Klingbiel „Stille“, die ultimative Pflicht der gemälde, nennt. Die schwarzen Zeichen heben sich hervor und verwandeln Klingbiels anfänglichen Drang in erkennbarkeit.

Schließlich werden seine Schwarz-Weiß-Kontraste mysteriöser, zeitloser, dramatischer und elementarer, eine visuelle Macht, da sie jedem entstehenden Zeichen ermöglichen, für mehr als sich selbst zu stehen.
 

 

 

 

 

 

 

BLU DUC THOL

 

 

 

PALANTINE

 

 

 

 

HIVE

Bezogen auf die tatsächliche Malerei auf seinem vorbereiteten Untergrund wühlen Klingbiels Zeichensetzungsaktivitäten verschiedene Schichten und Unterschichten von geschichtlichen epochen auf und veranlassen sie, sich in seinem Werk sowohl zu verhüllen als auch zu offenbaren. er endet mit dem Zurückspulen verschiedener geschichtlicher epochen, vermischt sie und gibt sie für uns auf neue Art wieder (interpoliert, eingeschoben, verlagert). es ist der versuch des Künstlers, eine neue historische erzählung zu schaffen, in der er eine verlorene, „geheime“ Fassung des (späten) Modernismus zurückverfolgt. Dabei betrachtet er Beispiele, denen der Modernismus innewohnte, um er selbst zu werden. Farbe, Zeichen, Berührung, Licht, Spannung, Rhythmus und Struktur offenbaren sich selbst nur langsam in Klingbiels Werk, während sich ein hauch von Ruhe darauf niederlässt. Sein einzigartiges verfahren der malerischen und gestischen extraktion erzeugt eine ätherische zeitlose Qualität. Die konsequente Wahrnehmung der Ruhe führt unsere Aufmerksamkeit weg von der historischen Teleologie, in der Modernismus Materialien und verfahren zu Subjekten in sich selbst machte, und zwar bevor der Postmodernismus die Lebensfähigkeit eben dieser Subjekte in Frage stellte. Paradoxerweise sind Klingbiels Werke auch absichtlich zeitgebunden, und dies auf eine Weise, die sich von der Ausdehnung des langen Zeitraumes, den der Betrachter benötigt, um jedes Werk vollständig, in all seinen nuancen zu „lesen“, unterscheidet. Über die Palimpsestschichten seiner gemälde sagt der Maler: „ … wenn ich einen Holzdruck sehe, dann vielleicht ein Fresko von Giotto, reagiere ich auf eine ‚Masse` in einem, wie sie auf eine andere ‚Masse` in dem anderen reagiert. Ich möchte meine eigene Beziehung zwischen diesen beiden finden, ohne in vorgefassten ‚modernen Idiomen` denken zu müssen. Wozu ich letztendlich in meiner Malerei gelange, ist keine Reihe von Beziehungen, sondern eher etwas Fiktives eines Beziehungsgeflechts, nichts Offenkundiges. Etwas Verstecktes, etwas Heimliches kommt zum Ausdruck. Weil diese Heimlichkeit meinen Erfahrungen entspricht, wenn ich durch die Welt wandere.

Klingbiels Ansatz besteht darin, einen intellektuellen oder intellektbezogenen post-modernen „Rückbau“ der geschichte soweit wie möglich vorweg zunehmen, was unweigerlich zu vorbestimmten endpunkten führen 52 würde, nur um eine bestimmte vorab zulässige Logik zu veranschaulichen. Die Beziehungen an der Oberfläche der gemälde bedingen nicht alleine sich selbst, sondern hängen von einer Reihe von Beziehungen ab, die wir nicht sehen oder gar vollständig verstehen können, die aber, wie wir instinktiv wissen, existieren. Klingbiels besondere Stärke sind Strukturen, die seine Bildkombinationen ermöglichen, sein selbstbewusster Umgang mit Farbe, die ineinander übergeht, Schicht für Schicht, eine komplexe Schichtung, auf der die abschließenden Zeichen ruhen, um in erscheinung zu treten und miteinander zu verschmelzen.

Obwohl sie viele variationen aufweist, wenn wir von gemälde zu gemälde schreiten, folgt die Oberflächenstruktur trotzdem einer bestimmten, konsequenten Logik. Der Betrachter erlebt individuelle gebiete der Oberflächenbehandlung und koloristischer Passagen, die zeitweise dazu neigen, sich um ein kleines, im Mittelpunkt befindliches leeres Fleckchen (Medicine Tree, Palimpsest, Blue Duc Thol) zu gruppieren; ein anderes Mal bündeln sich Arenen von energie in lockeren oder festen Figuren und breiten sich entweder in arrhythmischen Schwaden imagistischer Juxtaposition aus, wie in Tunis (2007) und Pilgrimage (2007), oder sind als individuelle Segmente aufgestapelt, Baumgruppen oder Schnittpunkten eingebetteter Aktivität ähnlich, die den größten Teil der Oberfläche bedecken, wie in Hive (2006). In Arum (2007) ist ein gerüst gestischer einheiten in einem vertikalen gerüst auf der linken Seite des gemäldes aufgerichtet, während sich überall sonst individuelle gestische Aktivitäten um ein leeres gebiet, unten umgeben von Lasuren in bläulichen Farbtönen, mit violetten Strähnen und oben mit rosaroten und dunkelbraunen Strähnen, gruppieren. In Protective Astrology und Explained by The Nurse, beide 2007 fertig gestellt, erzeugen Klingbiels Zeichensetzung und note eine starke visuelle Resonanz durch die einbeziehung weniger, jedoch großer und dramatischer Juxtapositionen unter verwendung einheitlicher Farbstriche, die, mit kontrastreichen Farben eingefügt, cloisonné-effekte erzeugen. In Protective Astrology produziert der Künstler großzügig markante Passagen mit einem Spachtel unter verwendung von grau-gelb- und Blautönen für großartige süß/saure effekte. Was vorherrscht ist die Wahrnehmung, dass in jedem Werk jede der verschiedenen Flächen kompositorisch ihre individuelle Anordnung und ihren individuellen Platz nach einem logischen, wenngleich fliehenden, System gefunden hat. Die empfindung der Zusammengehörigkeit und ihre Wechselwirkung mit dem Zufall erzeugen ein lebhaftes Raum- und volumenangebot aufseiten jedes kleinen Wirkungsbereiches, da sie sich innerhalb oder außerhalb ihrer endgültigen Position ganzheitlich betrachtet anschmiegen. Zeitweise ist die Zusammengehörigkeit gedämpft, gestreut oder unter hüllen verborgen, wie in Tablet (2005), wo man einen Wirrwarr zwischen Farb- und Formebenen hinter einem Schleier empfindet.

Ein Überblick über verschiedene frühere Arbeiten des Künstlers vermittelt uns einen einblick in die evolution, die zu seinen vielen gegenwärtigen Bedenken und Intentionen geführt hat. es ist bezaubernd, einen Blick auf das minimalistische Werk des Künstlers aus Mitte bis ende der neunziger zu wer fen, um seine entwicklung zu erkennen. er sieht sich selbst, heute ziemlich bewusst, obwohl nicht provokativ, als einen Minimalisten – als einen Maler, dessen wesentliche Aufgabe darin besteht, seine einflüsse bis zu jenem Punkt der „Ruhe“ herauszuarbeiten, dabei expressive Ausbrüche meidend, ohne in diesem Prozess aufzugeben, was die Worte „Schmutz des Lebens“ in seinem Werk bedeuten. er sagt: „Ich kann nicht auf herkömmliche minimalistische Art und Weise malen, obwohl ich das schon getan habe. Es gibt mir keine Kraft. Ich
muss den Schmutz der Welt einkalkulieren … Ich glaube nicht an die Existenz reiner Objekte, sondern ich glaube an die Suche nach Reinheit – ich sehe darin keinen Widerspruch.“ Die Abkehr von Arbeiten, wie Subscription/Union, Subscription One
und Subscription #5, alle aus dem Jahre 1997, deren in geometrischer Form gebrachte Formate und einfache Farbkodes auf resolute optische Klarheit und Ausgeglichenheit ausgerichtet sind, deutet sich möglicherweise bereits in den aufkeimenden Bedenken von Second Truck (1995) an. hier sind kombinierte, systematisierte geometrische Progressionen schwarzer Linien mit anscheinend globalen Abnutzungserscheinungen und Restspuren von Farbe das ergebnis der Zeichensetzung unter einwirkung von Automatismus und Anderssein. Der Drang, die Konfrontation zwischen zwei alternierenden Wahrnehmungen oder Methodiken (einer logischen und einer alogischen Denkweise) aufzulösen, nimmt eine kritische Wendung in einem Werk, wie Variation on Subscription (1997), in dem versteckte Realitäten gegeneinander ausgespielt werden, in dem eine in geometrische Form gebrachte Fläche weißer und orangefarbener Farbblöcke über einer dunkleren, naturalistischer orientierten, darunter liegenden Farbfläche zu schweben scheint. Riverboat (1997–98) veranschaulicht Klingbiels zunehmende Tendenz, scheinbare gestik und Kontur in seine strengen minimalistischen Strukturen zu bringen, um seinen Farbebenen eine größere Tiefe und allegorische Fülle zu geben. er tut dies erfolgreich mit mehr nuanciertheit und Transparenz als je zuvor, als er beginnt, Klarheit in seine scheinbaren visuellen experimente zu bringen, in denen mechanistische und erstmals auch heimliche Dynamiken ausgespielt
werden. Dieses Werk mit seiner leuchtenden Palimpsestqualität hebt sich durch die verwendung collageartiger Streifen von holzdrucken auf Reispapier, um dem Betrachter eine buchstäbliche sowie eine illusorische Tiefe anzubieten, ab. Um 2001 stellt Klingbiel mit Rufus im wahrsten Sinne des Wortes eine Montage aus verschiedenen Techniken und Räumen her, die in späteren Werken, wie in den hierophantischen 344/279 und 391/398 (beide aus dem Jahre 2004), mit ihrer verwendung eines schwarzen Untergrunds zur erzeugung tantrischer Farbassoziationen, und in Untitled #17 und Palimpsest (beide aus dem Jahre 2004), letzteres mit seinem zentralen energieausbruch, ihre harmonische Integration finden wird. In seiner verbindung von Wildheit und Delikatheit bringt Rufus die eigensinnige Unterschwelligkeit der Malerei ins Spiel, die Klingbiel bis zum heutigen Tage beherrschen: kontinuierliche Disloziierungs– und verdrängungsbewegungen bezüglich der gestischen Zeichensetzung, Mezzotinto– und kalligraphische Darstellungen, leuchtende Transparenzeffekte, verstärkt durch die Aufschichtung und Beschichtung von ebenen, und unterschwellige geometrische Anordnung.

Klingbiels wesentlicher Drang besteht darin zu reduzieren und zu extrahieren, eine vorgehensweise und Richtung, die er mit den minimalistischen Tendenzen assoziiert und gleichsetzt, die man am deutlichsten in der Bildhauerei findet, um es mit einem Zitat von Donald Judd zu sagen, die als „reines Objekt“ in sich selbst eingeschlossen scheinen, energie von sich abweisen, um die Welt zentripetal zu sich hin und um sich herum zu ziehen. Zu diesem effekt merkt Klingbiel an: „ … durch das Wegschieben der Welt belebt sie sich durch ihren entleerten Kern. In einem Werk von Judd ist der Kern auf alles um sich herum gerichtet, durch Extraktion … In meinem Werk ist die Wirkung die gleiche, aber in umgekehrter Richtung. Alles, mein gesamter lebendiger Inhalt, meine Zeichensetzung bricht in sich zusammen … Was ich als meine eigene Theorie des ‚vereinheitlichten Feldes` betrachte. Das Ergebnis ist eine paarige Bewegung: das Gemälde löst sich in Ruhe auf, indem es sich schließt, es bleibt jedoch noch genügend malerische Aktivität auf der Oberfläche, die man ebenso empfinden kann. Meine Werke sind eher nicht-Aktionsgemälde als Aktionsgemälde. Lebendiger Inhalt ermöglicht meinen Gemälden, sich selbst zu schließen … Die Wahl, so zu malen, ist der am meisten vereinheitlichende Weg, um zu extrahieren, um all diese Dinge und meine Erfahrungen mit ihnen umzusetzen.” Klingbiel würde argumentieren, dass seine minimalisierenden Tendenzen die extraktion seiner verschiedenen mentalen, psychischen und somatischen erfahrungen durch die „Idee der Beziehungen“, die er in seinen visuellen Quellenmaterialien sieht, betreffen, die er „Matrizen vor der Erkenntnis“ nennt. Die extraktionstätigkeit des Künstlers setzt eine Stilllegungsenergie in Bewegung, die zentrifugal wirkt, da sie durch den Kern jedes seiner gemälde selbst energie zu sich bringt. So wird rekursive Zeit, ähnlich der in einem minimalistischen Kunstwerk, durch Dauer erzeugt, im gegensatz zur momentanen ganzzeit oder allgegenwärtigen Zeitlosigkeit des abstrakten expressionismus. Der Künstler sagt: „Wenn ich auf unterschiedliche Quellenmaterialien reagiere, versuche ich, ein System zu schaffen, das eine interne Beziehung mit einer anderen internen Beziehung assoziiert. Ich bin auf die Idee der Beziehungen aus; oder die Beziehungsgeister verschiedener Historien, Spuren der Historien enthüllen, entdecken sich selbst, offenbaren und verhüllen sich selbst, mit durch ‚entblößte Knochen’ markierten Abgrenzungspunkten, Übergangsbereiche immer im Übergang begriffen. Ich extrahiere, um zur Ruhe zu gelangen.

Ruhe und Schwingung, Prä-Meditation und Improvisation befinden sich in Klingbiels Dr. Behrens (2006) auf gleicher höhe. es ist ein üppiges Werk. Seine Passagen bestehen aus kleinen Schritten und Farb- und Lichtabstufungen, während das Werk ein hauch von harmonischer Ausgeglichenheit und natürlichkeit durchdringt. es ist nach dem Sanatoriumsarzt in Thomas Manns Zauberberg benannt, den der Autor unter Aufwendung all seiner Kräfte bis zur Schmerzgrenze als amateurhaften Portraitmaler darzustellen versucht, der nicht in der Lage ist, mit jemandem in verbindung zu treten, dessen Ähnlichkeit er herbeizaubern möchte. Behrens weiß zuviel von den falschen Dingen, seine hand wird von den physiognomischen Strukturen geführt, die er gelehrt wurde sich vorzustellen und zu analysieren. Behrens’ Pinsel wird 53 so stark von seinem intrinsischen biologischen Wissen und den technischen Untermauerungen darüber, wie der menschliche Körper funktioniert, und warum ein bestimmter Körper so aussieht, wie er aussieht, geführt, als dass dieses Wissen ihm lediglich eine vorstellung im wahrsten Sinne des Wortes gestattet. Das Offenkundige in Dr. Behrens ist, dass seine Struktur ergebnis eines analytischen geistes ist, der versucht, von einer vorbestimmten, kontrollierten „Auffassung“ davon, wie das hinzufügen und entfernen von Oberflächenschichten letztendlich aussehen sollte, abzuweichen. Die Wahrnehmung, die man macht, ist, dass in Behrens Portrait von Mme. chauchet sein „Aussehen“ aus monolithischen, unabänderlichen Komponenten generiert wurde, die nicht einzigartig für sein Motiv sind, sondern für jeden, der eines
seiner Motive werden könnte, allerdings nur so, wie sie von Behrens’ selbsternanntem genie für sein Fachgebiet angewandt wurden. Behrens kann man sich als vertreter für abstrakte expressionistische Maler und ihre heroischen manuellen Aktivitäten vorstellen, die mit ihren individuellen „Anflügen“ oder „Pinselstrichen“ verbunden sind. Klingbiel versucht in seiner Malerei nicht, Materialspuren über malerisches Wirken oder vereinheitlichtes Image über expressive Details à la „American type painting“ mit hilfe der greenbergschen Formel zu stellen. er besteht auch nicht auf einem formalen Prinzip, wie es von harold Rosenbergs Definition des „action painting” verfolgt wird, nach dem die verwendung expressiver Details erfolgt, um über eine visuelle „gestalt“ zu dominieren und wo malerisches Wirken als über der gestischen Materialspur stehend proklamiert wird. In bildhafter hinsicht fehlt das Äquivalent zu gefühlsausbrüchen, der Stempel der traditionellen Malerei des abstrakten expressionismus in dieser Art von Arbeiten völlig. Das gegenteil ist der Fall: es ist nutzlos, Dr. Behrens durch die abstrakt-expressionistische Brille zu beurteilen, da die sichtbaren Merkmale anders angeordnet sind. Der auffallende geisteszustand ist eindeutig analytischer natur und darauf angelegt sich selbst dabei zu beobachten, wie man seine eigenen Reaktionen auf sich selbst (selbst durch verleugnung) neu erschafft. Während das Tau zwischen dem subjektiven Impuls und der objektiven empfindung, die diesen Impuls oder die erinnerung an einen solchen Impuls oder Drang qualifiziert, immer Teil der gleichung in jedem kohärenten abstrakten Werk ist, sind Klingbiels ästhetische Triebfedern eindeutig nicht an die Adresse dieser subjektiv-objektiven Dialektik als generative Kernquelle der energie in seinem Werk gebunden. Dieses dialektische Spiel ist auch nicht der ursächliche grund für
die Art verinnerlichter energie, die in schnellen Schlägen durch dieses gemälde hindurch zu pulsieren scheint. Dr. Behrens ist gewiss kontrolliert und kalkuliert, selbst wenn es auf zentrierte Art und Weise entspannt erscheint. es gibt sieben größere Quadranten und interne Bereiche innerhalb der größeren Bereiche malerischer Tätigkeit, unten und in der Mitte beginnend, die entgegen dem Uhrzeigersinn mit einem gerüst versehen erscheinen. Diese Bereiche haben ein gelb-orangefarbenes „Rückgrat“, das einen Bogen bildet, der sich von der ecke unten rechts an den Kurven entlang zur linken Mitte des gemäldes windet und dann seine Bahn oben in der Mitte des Werkes beendet, indem er sich zur Mitte oben weiterbewegt und dort endet. Diese Art der verdeckten Kontrolle ist durch das spätere Werk hindurch offensichtlich. Medicine Tree (2006), beispielsweise, ein Werk aus der gleichen Schaffensperiode, hat größere Farbpassagen und farbliche Unterstriche als Behrens. Diese Passagen oder Matrizen arrangieren sich selbst als zusammengestellte Passagen um einen kleinen entleerten Mittelpunkt. Dieses Werk verkörpert bildhaft die zurückstrahlenden zentripetalen energien, die in unterschiedlichem grade durch sämtliche Werke Klingbiels strömen. Ungeachtet der gesamtstrukturen verkörpern Farbpassagen und Zeichen dieses ethos, unabhängig von der größe des Werks.

Karl Klingbiels Werk lädt zu wiederholten Betrachtungen ein, weil es in seiner materiellen Poesie subtil ist. es gibt viel aufzunehmen. Der versuch, alles auf einmal festzuhalten, kann nur in unterschiedlichem Maße von erfolg gekrönt sein, und während das Werk auf einer Stufe sofort erfasst werden kann, braucht es Zeit, sich völlig zu offenbaren, wenn es das überhaupt erreicht. Was es wirklich tut, ist, dass es sich schließlich in seiner eigenen Ruhe niederlässt, selbst wenn es beständig wieder zurückgleitet. es gibt einen analytischen Rahmen, der jedes gemälde umgibt, und jedes Werk hat auch einen tiefen sinnlichen Aspekt. Die erkenntnis, dass diese Dualität ein Aspekt der vision ist, die es geschaffen hat, hilft uns wahrzunehmen und zu schätzen, dass das Unerwartete ständig passiert, und es muss gerade auf der richtigen Bewusstheitsstufe berücksichtigt werden. Dies ermöglicht, dass die hohe energie, die wir in dem Werk spüren, nie bombastisch oder formelhaft erscheint, sondern eher mit zurückhaltender Aufmerksamkeit geladen ist, einer eigenschaft von grundlegender Bedeutsamkeit für den Künstler. Das Werk scheint im selben Maße Minimierung und Transformation zum gegenstand zu haben, wie es darin um verhüllung und Zirkulation geht. Dazu merkt der Künstler an: „Bezüglich der Kontrolle kommen und gehen meine Gemälde. Es kommt darauf an, immer eine Dynamik aufrecht zu erhalten und nicht zuzulassen, dass sie dominant wird.

Dominique Nahas ist unabhängiger Kurator und Kritiker und in Manhattan ansässig.

Anmerkung: Alle Zitate sind Studiogesprächen mit dem Künstler entnommen, die am 2. März, am 13. Juni und am 21. Juni 2007 stattfanden.


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